Jetzt ist sie auch schon wieder vorbei, die Berlinale 2024. Müde und ein wenig erschöpft bin ich zuhause angekommen, nach einem letzten langen Berlinale-Nachmittag und einem sonnigen Spree-Spaziergang. Hinter mir liegen aufregende Tage mit vielen Bildern, Filmgesprächen und verschiedenen Kinos, die von Hörsaal-ähnlich bis nostalgisch ein breites Spektrum abdecken. Mit im Gepäck habe ich neben meinem üblichen Reisekrams jede Menge neue Eindrücke und Erinnerungen. Es ist gar nicht so leicht, diese zu sortieren. Allerdings möchte ich mich im Folgenden an einer kleinen Rangliste der von mir besuchten Filme versuchen. Es geht dabei ganz nach meinem persönlichen Empfinden, wie mir der jeweilige Film gefallen hat.
Shambhala
Im Himalaya heiratet Pema drei Brüder, doch nachdem einer von diesen nach einem Gerücht über ihre angebliche Untreue in den Bergen verschwindet, begibt sie sich auf eine Reise, um ihn zurückzuholen. Dieser Film hat unheimlich schöne Bilder! Immer wieder heult der Wind durch die Berge, während sich die Protagonistin mit ihrem schwer bepackten Pferd und einem anderen Bruder im Schlepptau im unwegsamen Gelände vorankämpft. Der Film ist für mich von der Erzählweise her ungewöhnlich, da er meinen bisherigen Sehgewohnheiten widerspricht. Etwa wird die sich entfaltende Geschichte gleich schon am Anfang angekündigt, da zunächst gemalte Bilder mit Etappen der Reise erscheinen, bevor die eigentliche Handlung beginnt. Außerdem funktioniert das Narrativ nach anderen Regeln. Insgesamt spielen Traditionen und religiöse Sitten eine gewichtige Rolle in dem Film und die Protagonist*innen richten sich stark danach. Sogar der Verlauf der Reise wird dadurch beeinflusst. Gleichzeitig werden die unterschiedlichen Beziehungen sehr gut dargestellt. Pema ist eine mutige und starke Frauenfigur, die zwar das Gemeinschaftsgefüge nicht völlig umkrempeln kann, allerdings sehr wohl für sich einsteht und auf ihrer Reise zu sich selbst findet. Außerdem werden kleinen Momenten sehr viel Bedeutung zugemessen, sodass die zwischenmenschliche Ebene dadurch sehr präzise und einfühlsam abgebildet wird. Der Film nimmt sich die Zeit, um alles in Ruhe zu erzählen, und das passt auch einfach sehr gut, um die Tragweite und innere Veränderung, welche die Reise bewirkt, gänzlich abzubilden. Ich war nach dem Schauen noch sehr lange in der Geschichte drin, da die Stimmung und Atmosphäre des Films bei mir noch eine ganze Weile nachgewirkt haben.
Vogter
Es geht um eine Mutter, die im Gefängnis arbeitet, und dort dem Mörder ihres Sohnes begegnet. Der Film tut beim Ansehen weh. Nicht so sehr, weil die Szenen an sich so heftig sind, sondern vielmehr wegen der Wucht der evozierten Emotionen. Man kann sie spüren, die Verzweiflung, die Wut, die Trauer, den Schmerz und den Hass der Protagonistin. Gleichzeitig verfällt der Film aber nicht einfach in ein Schwarz-Weiß-Muster, sondern beleuchtet die Komplexität und die Tiefe des Geschehens. Dafür nimmt er sich viel Zeit und ich wurde richtig in den Film hineingezogen, da er sehr intensiv dargestellt ist. Zudem spielt er auch fast ausschließlich im Gefängnis, sodass durch diesen irgendwie tristen und beengten Ort der Fokus ganz auf die Beziehungsebene verdichtet wird. Nichts kann von den Gefühlen ablenken, die sich immer mehr aufstauen. Alltagsszenen werden so emotional sehr stark aufgeladen. Letztendlich geht es auch um moralische Fragen. Auch nach dem Kino habe ich über den Film noch eine Weile nachgedacht.
Through Rocks and Clouds
In Peru fiebert ein Junge während des Alpaka-Hütens bei der Weltmeisterschaft mit, doch sein Zuhause ist durch ein großes Unternehmen bedroht, welches das Land aufkaufen und dort Bergbau betreiben möchte. Der Film war einfach herzerwärmend. Es gab eine wunderschöne Landschaft mit den schneebedeckten Anden im Hintergrund, und immer wieder flauschige Alpakas. Eines davon, Ronaldo, das Lieblings-Alpaka des Protagonisten, hat sogar die Frisur eines berühmten Fußballspielers. Diese wurde ihm auf Bitten des Protagonisten geschoren, der dem Alpaka im verlassenen Schulgebäude auch Vorträge über Geographie hält oder mit ihm Fußballtaktiken erörtert. Die Sorgen und Nöte des Protagonisten werden sehr ernst genommen, während der Film ihn in seinem Alltag begleitet. Gleichzeitig findet er aber auch immer wieder kleine Glücksmomente im Alltäglichen. Dabei wird die Geschichte aus der Perspektive des jungen Protagonisten heraus erzählt, während die Erwachsenen ein wenig im Hintergrund bleiben. Ein sehr schöner Wohlfühlfilm nicht nur für Kinder!
Sasquatch Sunset
Hierfür habe ich irrtümlicherweise Tickets erworben, weil ich dachte, dass es um Naturaufnahmen im Land der Sasquatch geht, die angeblich den Nordwesten Amerikas bewohnen. Diese Annahme hat sich als falsch herausgestellt, stattdessen behandelt das 97-minütige Werk den Alltag einer kleinen Sasquatch-Familie, die durch die Wälder mäandert und dabei Höhen und Tiefen erlebt. Der Film ist seltsam und abgedreht und es gibt viel zu viel Fäkalhumor. Eigentlich sollte das so gar nicht mein Ding sein, aber irgendwie hat der Film auch was. Er schafft es, dass mir die Sasquatch-Familie nicht egal ist und ich gebannt ihrer Wanderung durch die Wildnis folge. Das Tragische und das Komische liegen in dem Film sehr nah beieinander. In einer Szene legt sich der Vater der Familie high von Beeren mit einem Berglöwen an, wobei er diese Konfrontation nicht überlebt. Als die verbliebenen Familienmitglieder den Berglöwen dabei entdecken, wie er die Überreste vertilgt, verscheuchen sie ihn mit Steinen, die auch den verstorbenen Sasquatch mehrmals mit einer in der Inszenierung mitklingenden Situationskomik am Kopf treffen und hier ein sehr düsterer Humor zum Tragen kommt. Dann wieder betrachten sie nachts die Sterne oder sind von einer Schildkröte völlig fasziniert. Es ist einfach ein Film, den ich so noch nie gesehen habe, und dessen Konzept überraschenderweise erstaunlich gut funktioniert. Der Film war auf jeden Fall merkwürdig und ziemlich verstörend und stellenweise total übertrieben, aber gleichzeitig mochte ich ihn irgendwie trotzdem gerne. Das ging nicht allen Kinobesuchenden so, während des Films sind immer wieder Leute aufgestanden und gegangen. Es ist so ein Film, den man entweder mag oder nicht.
The Great Yawn of History
Zwei Männer ziehen durch das Land und suchen einen Schatz in einer Höhle, die einem von ihnen im Traum erschienen ist. Dieser ist jedoch sehr gläubig und kann es mit seinem moralischen Weltbild nicht vereinbaren, sich an einem Schatz zu bereichern. Deshalb sucht er jemanden, dem alles egal ist, der den Schatz für ihn finden und ihm die Hälfte davon schenken kann. Für mich das Beste an dem Film waren die Dialoge, die oft sehr kurz, aber auch einfach sehr treffend und von einem gewissen Humor durchzogen waren: „You know why you never had a Job?“ (…)“Because you have no faith.“ (…) „But I did not ask God and I got this Job.“ „You have this Job, because I asked God for it.“ Und in diesem Stil sind die allermeisten Dialoge. Gerade der Anfang des Films ist auch sehr großartig. Die zwei Männer passen so gar nicht zusammen und sind sehr unterschiedlich, trotzdem begeben sie sich gemeinsam auf diese Reise, die sie im Verlauf verändert. Ein wenig schade ist es, dass es nur eine einzige Frauenfigur in dem ganzen Film gibt. Diese ist zwar zugegebenermaßen auch die vernünftigste Person im ganzen Film, trotzdem wäre es hier schön gewesen, noch mehr Frauen in der Handlung präsent zu haben.
The Fable
Es wird die Geschichte einer Familie erzählt, die in Indien viel Land und eine Obstplantage besitzen, deren Bäume jedoch des Nachts unerklärlicherweise in Flammen aufgehen. Der Film verfügt über Elemente, die sich wohl am ehesten als Magischer Realismus beschreiben lassen. Gleich am Anfang wird etwa der Vater gezeigt, wie er sich eine Art Flügel-Gestell umschnallt und damit durch die Berge des Himalayas fliegt. Die Filmmusik dazu ist wunderschön! Es wird eine fast schon traumartige Stimmung erzeugt, die durch die Erzählstimme, die man zunächst nicht zuordnen kann, noch unterlegt wird. Gleichzeitig bricht aber immer wieder die Realität in den Film hinein, der von diesem einem Sommer erzählt, der alles für immer verändert hat. Ich bin mir nicht sicher, ob ich in dem Film alles so ganz durchschaut habe, und ich denke auch immer noch über das Ende nach, aber der Film hat mich sehr in seinen Bann gezogen und poetisch über Themen wie Familie, Zuhause, und das gesellschaftliche Miteinander ins Nachdenken gebracht. Es gibt einen ganz klaren Bezug zu Indiens Geschichte und dem Kolonialismus, welchen der Film jedoch fast schon wie ein Märchen anmutend in die Erzählung hineinarbeitet. Es geht nicht alles auf, doch genau das macht auch irgendwie den großen Charme des Films aus, dass er eben nicht für alles Erklärungen anbietet und vieles für die eigene Interpretation offen lässt.
The Outrun
Eine Frau zieht nach einigen Jahren in London zurück in ihre Heimat auf die Orkney-Inseln, um dort zu sich selbst zurückzufinden und weiter trocken zu bleiben. Ich mochte sehr, wie mythologische Geschichten in die Handlung verflochten werden. Ganz am Anfang wird etwa die Legende erzählt, wie auf den Orkney-Inseln Ertrunkene zu Selkies werden. Und ich fand die Rolle des Meeres unheimlich schön. Auch die Landschaft auf den Orkney-Inseln war traumhaft. Es war stürmisch, und karg, und verlassen, und wunderschön. Die Suchterkrankung der Protagonistin wurde sehr mitfühlend porträtiert, sie hat in dem Film ihre Würde behalten und gleichzeitig wurde aber die Erkrankung mit all ihren Schattenseiten offen gezeigt. Gestört hat mich jedoch, dass sich der Film zu sehr wie eine Literaturverfilmung, die er ja auch ist, angefühlt hat. Etwa wenn Passagen über Alkohol rezitiert wurden, und dann ganz plakativ das chemische Element hierfür auf einem Glas mit durchsichtiger Flüssigkeit gezeigt wurde. Oder wenn eine mythologische Geschichte erzählt wurde, und das dann durch eine Zeichentrick-Animation auf dem Bildschirm abgebildet wurde. Und trotz der vielen Szenen ist die Protagonistin für mich irgendwie auch distanziert geblieben. Auch, wenn ich den Film sehr mögen wollte, ist für mich leider nicht alles aufgegangen und der Film hat mich emotional nicht so ergriffen, obwohl es eine sehr bewegende Geschichte war.
Black Tea
An der Elfenbeinküste sagt eine Frau am Tag ihrer Hochzeit Nein und zieht in eine Stadt in China, wo sie eine Liebesbeziehung mit einem älteren Mann, der dort ein Teegeschäft führt, beginnt. Der Film hätte richtig gut werden können, dafür waren sehr viele passende Elemente vorhanden, die es zu einem großartigen Film hätten machen können. Nur leider ging es alles doch nicht so ganz auf. Es gibt im Film keinen roten Faden, stattdessen werden immer wieder Fragmente aufgegriffen, die sich aber nicht so richtig zu einem Ganzen zusammenfügen. Außerdem entstehen keine Konflikte. Das Potential hierfür ist gegeben, doch alles löst sich dann stets sehr schnell ohne weitere Entwicklung in Wohlgefallen auf. Zudem gibt es Ortswechsel, die ich aber erst nach dem Lesen einer Filmkritik im Anschluss an den Film verstanden habe, da es während des Films nie so explizit gesagt und vieles sehr offen gelassen wurde. Und mir waren ein paar Szenen auch einfach zu kitschig, etwa als das Paar in den Teefeldern steht und ein gelber Schmetterling auftaucht, das hat den Moment der beiden kaputt gemacht, weil es zu künstlich und gewollt wirkte. Sehr gelungen hingegen fand ich die Tee-Szenen, wo sich der Film viel Zeit gelassen hat, diese zu begleiten. Das war einfach sehr schön, dabei zuzusehen. Auch die Alltagsszenen in der Stadt haben mir gefallen, es war irgendwie nett, die Protagonistin zu begleiten, wie sie sich ein neues Zuhause aufgebaut hat. An sich ist der Film jetzt auch nicht richtig schlecht, doch manche Aspekte hätten sich besser zusammenfügen können. Die Geschichte selbst hat auf jeden Fall das Potential zu einem berührenden Film!
Hands in the Fire
Eine junge Filmemacherin begibt sich mit ihrer Kamera in ein altes Landhaus in Portugal, in dem sich nach und nach verschiedene Geheimnisse auftun. Hier muss ich offen gestehen, dass ich während des Films einfach gerade einen Tiefpunkt hatte und ein bisschen müde war. In der Folge fiel es mir schwer, der Handlung zu folgen und ich habe den Film ehrlich gesagt nicht ganz verstanden. Ich fand die Bilder unheimlich schön, da viel mit kräftigen Farben gearbeitet wird und sich die Dinge oft zu einem sehr atmosphärischen, leicht düsterem Stillleben zusammenfügen. Die Stimmung war sehr nostalgisch und sommerlich, und auch die Filmmusik hat sehr gut dazu gepasst. Außerdem mochte ich den altmodischen Aspekt beim Filmen, da die Protagonistin noch keine digitale Ausstattung verwendet und etwa die Kamera dadurch auch nicht drehen kann. Dass dann gerade der Film im Film die Geheimnisse offenbart, habe ich so bisher auch noch nicht gesehen und fand das eine sehr geschickte Wendung. Doch genau an dieser Stelle hat mich der Film auch ein wenig verloren. Am Ende wurde vieles eher angedeutet und mir ist nicht ganz klar geworden, welcher Erzählung ich hierbei vertrauen kann. Vieles war sehr doppeldeutig und für mich ist es so ein Film, den ich mir noch einmal ein zweites Mal anschauen müsste, um ihn ganz zu durchdringen.