In wunderschönen Bildern wird die Geschichte des Märchens „Aschenputtel“ interpretiert: Die unscheinbare Elvira träumt davon, den Prinzen Julian zu ehelichen und ist dafür bereit, Schmerzen, Erniedrigung und immer drastischere Grenzüberschreitungen auszuhalten. Sie liest die Gedichte des Prinzen, deren Doppeldeutigkeit ihr entgeht, und träumt von einem Leben als Prinzessin.
Alles fängt damit an, dass ihre Mutter Rebekka einen älteren, aber scheinbar vermögenden Mann heiratet. Dieser stirbt noch am Abend der Hochzeit, und schnell schon stellt sich heraus: Er hatte auch bloß kein Geld. Rebekka und ihre Töchter Elvira und Alma sind pleite, und bald drängt sich eine folgenschwere Lösung auf: Elvira soll den Prinzen heiraten, und damit die Finanzprobleme der Familie ein für allemal der Vergangenheit angehören lassen.
Die Verwandlung Elviras in eine Hofdame
Es gibt nur ein Problem: Elvira entspricht nicht dem gängigen Schönheitsideal, welches in Hofkreisen erwünscht ist. So beginnt eine Reise, welche ihr Äußeres für immer verändert. Es fängt mit ihrer Zahnspange und der Korrektur ihrer Nase an. Doch kurze Zeit später werden künstliche Wimpern angenäht, Bandwürmer zum Abnehmen geschluckt und büschelweise ausfallende Haare mit Perücken kaschiert.
Dennoch passt Elvira nicht in die Gesellschaft am Hof. Anders als ihre Stiefschwester Agnes, die mühelos genau das verkörpert, was Elvira gerne wäre. Doch Agnes hat sich in den Stallburschen verliebt, und nachdem sie mit ihm erwischt wurde, muss sie jetzt Kühe melken und Fliesen schrubben.
Ein langweiliger Prinz und Kritik am Patriarchat
Am Ende drängt sich die Frage auf, ob es das alles wert war, was Elvira geopfert hat. Und auch hierauf gibt der Film eine eindeutige Antwort: Der Prinz ist wahrlich kein Preis. Er redet unflätig mit seinen engsten Vertrauten über seine Eroberungen, lässt Elvira für die hübschere Unbekannte auf dem Ball stehen und bleibt in dem ganzen Film furchtbar farblos und langweilig. So ist Elvira ohne ihn sehr viel besser dran, erkennt das jedoch erst viel zu spät…
Die Bilder des Films sind unheimlich ästhetisch gestaltet. Oft wird die Stimmung der Natur genutzt, um die Atmosphäre verdichtet darzustellen. Es gibt neblige Wälder, bedrohliche Unwetter und unaufhörlichen Regen. Das Anwesen, in dem die Familie wohnt, ist viel zu groß, mit langen, dunklen Fluren, steilen Treppen und verwinkelten Räumen. Oft gibt es wenig natürliches Licht, und alles ist ein wenig düster angehaucht.
Ein in wunderschönen Bildern eingefangener Verfall
Der Film erinnert an ein auseinanderfallendes Stillleben. Alles sieht nach außen hin wunderschön aus, doch im Innern verrottet es schon längst. Diese Symbolik wird im Film auch so aufgegriffen: Da Rebekka ihr weniges Geld lieber für die Schönheitsoperationen von Elvira ausgibt, als für die Beerdigung ihres Ehemanns, werden dessen körperliche Überreste von Maden zerfressen.
Insgesamt überzeugt der Film sehr durch die Bilder, in denen Schönheit und Erschrecken so nah beieinander liegen. Auch, wenn manche Dinge durchaus bewusst anachronistisch gestaltet sind, entsteht trotzdem ein gewisses historisches Flair.
Der Film lässt sich dem Body Horror zuordnen, doch das wahre Grauen liegt vielmehr in Elvira, die sich selbst komplett für einen Anderen aufgibt. Der Film liest sich als eine Kritik am Patriarchat und dem Anpassen an unrealistische Schönheitsideale. Die Männer in dem Film kommen alle nicht sehr gut weg. Allerdings gilt dies ebenso auch für die meisten Frauen. Die einzig vernünftige Person ist Elviras Schwester Alma, welche aus dem toxischen System ausbrechen möchte.
Unter der Oberfläche brodelt es
Der Film entwickelt einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Die Wucht der Gefühle, der Wut und der Enttäuschung und der Hoffnung Elviras, ist wie ein Strudel, der schließlich unheilvoll über die nach außen hin so heile Welt hereinbricht.
Ein sehr sehenswerter Film, dessen Optik eindrucksvolle Bilder schafft. Die Musik untermalt das Ganze sehr passend, und das Märchenhafte wird brutal seziert. Zwischenzeitlich gibt es Szenen, wo man nur sehr schwer hinsehen kann. Insgesamt zieht einen der Film jedoch so in den Bann, dass man gleichzeitig eben auch nicht wegsehen kann.