Der Film spielt 1750 irgendwo in einem kleinen Dorf in Oberösterreich. Agnes, die später an diesem Tag heiraten wird, steht in ihrem Zuhause, das sie sich mit ihrer Mutter und ihrem Bruder teilt, und ihre Hände streifen bedächtig über ein paar Kleinigkeiten, die sie für sich auf dem Fensterbrett gesammelt hat: ein Schmetterling, ein paar Zweige, ein hübscher Kiesel. In dieser Szene wird direkt auch die Essenz ihrer Figur eingefangen: Sie ist ruhig, zurückhaltend, ein wenig verträumt, und sie sieht das Schöne in den Dingen um sich herum, sei es das Knacksen der Äste im Wald oder das Moos, das weich und wie ein grüner Vorhang von einem Felsen herabhängt.
Eine Hochzeit und ein Neuanfang
Agnes passt nicht in diese Welt, in die sie an diesem Nachmittag einheiratet, und sie wirkt auf ihrer eigenen Hochzeit ein wenig verloren. Ihr Ehemann ist wortkarg und versteckt sich in seiner Arbeit, ihre Schwiegermutter ist übergriffig und omnipräsent und das neue Haus mitten im Wald ist ihr viel zu düster. Wolf, ihr Ehemann, fischt unten im Fluss und bald hängen überall im Haus auch noch tote Fische herum, deren offene Münder und tote Augen immer wieder von der Kamera eingefangen werden.
Die Thematik der Vergänglichkeit durchzieht den gesamten Film. Tiere werden geschlachtet, der Winter kommt mit kaltem Wind und kahlen Bäumen, und im Wald wird die Leiche einer Kindsmörderin warnend zur Schau gestellt. Gleichzeitig geht es auch stets um die tiefe Religiosität, welche die Menschen im Dorf prägt. Wenn die Kirchenglocken läuten, halten Agnes und die Anderen bei der Arbeit inne und beten ein kurzes Vaterunser. Daneben existiert aber auch ein gewisser Aberglauben: Agnes‘ Bruder hat heimlich einen Finger der Kindsmörderin abgeschlagen, welchen diese nun unter der ehelichen Matratze versteckt, in der Hoffnung, so bald selbst mit Kindern gesegnet zu werden.
Doch das bleibt aus: Wolf berührt sie nachts nicht, und es wird subtil angedeutet, dass es nicht Frauen sind, die er begehrt. Agnes fühlt sich zunehmend allein in dieser neuen Umgebung, in der sie sich mehrmals im Wald verirrt und nichts richtig zu machen können scheint. Ihre Blumen, die sie gepflückt und in einer Vase drapiert hat, schmeißt die Schwiegermutter kurzerhand raus, sie tut sich schwer damit, beim Fischen mitzuhelfen, und ihre einzige Freundin wendet sich durch das Zutun ihrer Schwiegermutter ebenfalls von ihr ab. Agnes verfällt in eine Gleichgültigkeit, aus der nichts und niemand sie herauszuschütteln vermag. Ihr ist alles egal, und selbst der Bader vermag ihr nicht zu helfen, dessen Behandlung nur noch mehr Schmerz und Eiter mit sich bringt.
Die Vorgeschichte der Tat
Der Film zeichnet das Porträt einer unglücklichen und einsamen Frau, die am Ende etwas Furchtbares tun wird. Die gezeigten Ereignisse beruhen dabei auf historischen Protokollen. Doch der Film entschuldigt nichts und schlägt sich auf keine Seite. Es werden keine Rechtfertigungen für Agnes‘ Tat gezeigt, aber die Gründe dafür werden trotzdem sehr deutlich. Und irgendwie kann man, trotz des Grauens, das sich am Ende entfaltet, auch Mitgefühl mit Agnes haben. Dies hängt sicherlich damit zusammen, dass man sie für fast zwei Stunden in ihrem Alltag begleitet und ihre Geschichte geteilt hat. Dennoch ist man gleichzeitig darüber entsetzt, welche Richtung der Film am Ende nimmt.
Doch es ist längst nicht das einzige Schreckliche, was in dem Film geschieht. Und durch die Art, wie der Film aufgebaut ist, wird auch sehr deutlich, dass es bei Weitem nicht das einzig Schreckliche bleiben wird. Es ist ein Einblick in eine andere Zeit und ein anderes Leben, das sich jetzt ganz fern anfühlt. Die Naturgeräusche sind im Film dabei manchmal so laut, dass sie alles Andere übertönen und zeigen, dass es trotzdem irgendwie weiter geht. Der Fluss fließt dahin, die Blätter rauschen, und ein neuer Frühling wird kommen, auch wenn es sich am Ende nicht wirklich so anfühlt.
Ein sehr guter, aber auch sehr bedrückender Film
Die Atmosphäre am Ende des Films ist so verdichtet, dass man sie fast schon schwer und dunkel im Kinosaal hängen spüren kann. Auch nach dem Abspann sitzen einige noch in den dunkelroten Sitzen und verharren für eine Weile im jetzt wieder hellen Saal. Es ist ein bedrückender Film, der etwas zeigt, was man nicht sehen möchte und wogegen man sich zutiefst innerlich sträubt, und der es auf eine Art und Weise tut, die nachhaltig im Gedächtnis bleibt.