Der Film beginnt mit einem ziemlichen Albtraum: Mark erwacht mit einem blutigen Messer in der Hand und findet im Schlafzimmer, das er sich eigentlich mit seiner Noch-Ehefrau teilt, seine tote Freundin, für die er seine Ehe aufgeben wollte. Kurz darauf klopft besagte Ehefrau mit den Scheidungspapieren an die Tür und Mark ist mit der Gesamtsituation überfordert. Er schafft es, seine Ehefrau erst mal abzuwimmeln und ruft seinen besten Freund an, den er nach kurzem Hin und Her davon überzeugen kann, ihm beim Beseitigen der Leiche zu helfen. Und so machen sie sich auf in die eisige Winterlandschaft, welche in der ländlichen Region zum Großteil als karge Hintergrundkulisse dient.
Immer wieder werden Szenen von oben gefilmt, was die Einsamkeit und Verlassenheit dieser Gegend besonders stark betont. Weit und breit sind nur weiße schneebedeckte Felder zu sehen, die von den dunklen geräumten Straßen unterbrochen werden. Es werden nicht viele Worte gewechselt und die wenigen Gespräche sind zwischenmenschlich stets sehr intensiv. Auch die Figuren sind überschaubar: Da sind Mark, seine Ehefrau, sein bester Freund, die Affäre und deren Mitbewohnerin. Und einer von ihnen hat einen Mord begangen, doch bis zum Ende gestaltet sich die Entschlüsselung keineswegs einfach. Sie alle verfügen über ein Motiv, und in Marks Erinnerung ist der Abend, an dem es passiert ist, nur noch verschwommen und bruchstückhaft vorhanden.
Rückblickend werden die Hinweise, die den*die Täter*in verraten, sehr subtil in die Handlung eingeflochten. Doch es geht in dem Film um viel mehr als die reine Frage, wer die Schuld für den Mord trägt. Sehr nah an den Figuren werden die Auswirkungen von ebendiesem genau beleuchtet. Der Film scheut nicht davor zurück, nah an die Emotionen heranzugehen und diese in all ihren Facetten zu beleuchten. Die Zuschauenden können diese sehr gut nachempfinden, da sie durch die Art der Kameraführung ein wenig in den Film hineingezogen werden und stille Beobachtende des Geschehens werden.
Eine große Stärke des Films sind eben diese vielen kleinen Momenten, in denen die Gedanken und Charaktereigenschaften der Protagonist*innen sehr genau eingefangen werden. Gleichzeitig zieht sich ein gewisse düstere Atmosphäre durch den gesamten Film. Dies wird durch die einsame Landschaft und die etwas traurige Filmmusik noch verstärkt. Die Zuschauenden sehen dabei zu, wie sich die Konflikte immer stärker zuspitzen und einzelne Flashbacks in eine glücklichere Zeit stellen einen großen Kontrast zu den komplizierten Verstrickungen und Entwicklungen im Jetzt dar.
Insgesamt ein sehr spannender Film, an dem man die eigenen Theorien immer wieder überwirft und sich schwer damit tut, dem Gezeigten zu vertrauen. Alle Figuren haben ihre Ecken und Kanten, die im Verlauf des Films offengelegt werden. Die Stimmung hat etwas Verlorenes mit all dem Schnee und dem Winter. Doch gleichzeitig ist es eine sehr gute Charakterstudie, deren Spannung vor allem im Zwischenmenschlichen liegt und die einen auch nach dem Verlassen des Kinos noch eine Weile nachdenklich stimmt.
Ein Trailer des Films findet sich hier: https://www.munjalyagnik.com/scarletwinter