Familie ist ein spannendes Thema im Film, da komplexe Beziehungsdynamiken auseinandergenommen und genau beleuchtet werden können. Dies geschieht unabhängig davon, ob die Familie in sich harmonisch wirkt oder nicht. Gerade unter Menschen, die sich so nahe stehen, ergeben sich meist auch die explosivsten Konflikte, ebenso aber auch ein Gefühl von Verbundenheit und viele schöne Momente. Dabei konstituiert sich Familie nicht allein durch das Verwandt-Sein, auch selbst gewählte Familie oder Freundschaften sind ebenso legitim. Familie ist sehr prägend für die Entwicklung, und die Erzählungen über verschiedene Familien sagen gleichzeitig eine Menge über die erzählten Personen selbst aus. Das Erzählen über Familie wird dabei nie langweilig, da keine Familien-Konstellation einer anderen genau gleicht und sich hieraus wiederum die Möglichkeit von unzähligen Narrativen eröffnet.
Come on, Come on (2022)
Es ist ein wundervoller leiser und poetischer Film, der das Porträt einer Familie zeichnet und ganz nebenbei auch immer wieder die wichtigen Fragen des Lebens stellt. Dabei ist er nie belehrend oder wertend, er fängt einfach die vielen kleinen Momente ein, die das Leben ausmachen. In der gezeigten Familie gibt es einige Konflikte und Geheimnisse, die aber nicht nicht allein die Handlung vereinnahmen und auf eine realistische, teils bedrückende, jedoch nie dramatisch zugespitzte Weise dargestellt werden. Der Film erzählt, wie Versöhnung manchmal schwierig ist, dass Glück sich ganz unscheinbar im Alltag verstecken kann und dass auch in einer Familie, wo man glaubt, die Menschen zu kennen, diese sich trotzdem stetig weiterentwickeln und einen überraschen können. Vor allem aber geht es auch um das Erwachsenwerden und wie man sich sein inneres Kind bewahren kann.
Home (2021)
Nach 17 Jahren Haft kehrt der Protagonist Marvin Hacks mit dem Skateboard in seinen beschaulichen Heimatort zurück, wo jede*r jede*n kennt und die Information, dass er wieder raus ist, schnell die Runde macht. Er zieht bei seiner schwerkranken Mutter ein, die zwar auf den ersten Blick sehr wortkarg und schroff wirkt, deren emotionales Innenleben im Verlauf des Films jedoch behutsam auch ein wenig mehr nach außen offensichtlich wird. Es geht in dem Film um das Zurückkommen und das Ankommen in einem Ort, der gleichzeitig sehr gleichgeblieben und sehr verändert ist. Außerdem geht es um Schuld, Versöhnung, Drogenkonsum, das Eigenleben einer Kleinstadt und um Freundschaft. Und eben um die Beziehung zwischen Marvin und seiner Mutter. Die Annäherung beider Charaktere findet eher durch Taten, als durch Worte statt. Trotz der schwierigen Thematik ist es ein sehr wohltuender Film, der vor allem über sich langsam entfaltende Alltagsszenen funktioniert.
Lunana – Das Glück liegt im Himalaya (2022)
Ein angehender Lehrer in Bhutan träumt von einem Musikerleben in Australien, doch stattdessen erhält er eine Anstellung in einem äußerst entlegenen Dorf im Himalaya. Schon der Weg dorthin ist sehr beschwerlich, der letzte Teil besteht aus einer langen Wanderung, bei der es fast die ganze Zeit immer nur weiter bergauf geht. Das Dorf und dessen Bewohner*innen begrüßen den Neuankömmling herzlich und nehmen ihn direkt in ihre Gemeinschaft mit auf. Der Lehrer muss sich an das Leben im Dorf erst gewöhnen: Es gibt nur vereinzelt Strom, der Schutz gegen die Kälte besteht aus alten Zeitungen vor den Fenstern und dem Verbrennen von Yak-Fladen, das Klassenzimmer verfügt lediglich über eine Tafel und sonst kaum Materialien. Dennoch schließt er seine Schüler*innen schnell ins Herz und findet hier entgegen aller Widrigkeiten ein Zuhause und eine Art zweite Familie. Der Film scheut jedoch auch vor ernsten Aspekten nicht zurück, trotz der Idylle kommt es zu Konflikten. Alles in allem ist es ein schöner Wohlfühlfilm, der wichtige Lebensentscheidungen des jungen Lehrers behutsam thematisiert und von einer unheimlich schönen Landschaft eingerahmt wird.
Dem Leben auf der Spur (2022)
Ein entfremdeter Vater und Sohn begeben sich auf eine gemeinsame Reise, um die Asche der verstorbenen Mutter zu verstreuen. Auf dieser Reise ecken sie ordentlich an und alte Konflikte brechen wieder auf. Beide sind sehr unterschiedliche Menschen, was bereits mehrfach zu verschiedenen Streitigkeiten in ihrem Leben geführt hat. Doch die Reise gibt ihnen die Möglichkeit, sich einander wieder anzunähern und auch Gemeinsamkeiten zu entdecken. Sie setzen sich auf ihrem Weg vor allem mit ihrer Trauer und der Vergangenheit auseinander. Dies stößt einen Prozess an, der ihnen dabei hilft, ihre Beziehung zu reparieren und Vergangenes aufzuarbeiten. Natürlich gibt es zudem auf ihrem Weg ein paar Hürden, die sie nur gemeinsam überwinden können. Der Film begleitet sie auf ihrem Roadtrip durch Irland, wobei er sowohl ernste wie auch witzige Momente aufzeigt und gleichzeitig aber auch sehr deutlich macht, dass ihre schwierige Beziehung sich nicht von jetzt auf gleich verbessern lässt, sondern sie sich allmählich nur durch ein Sich-Darauf-Einlassen und Sich-Mühe-Geben von beiden Seiten wandelt.
Die Geschichte einer Familie (2023)
Eine Tochter kehrt nach einem Unfall in das Dorf zurück, in dem sie aufgewachsen ist, und zieht wieder in dem Haus ihrer Kindheit bei ihrem Vater ein. Der Film funktioniert über zwei Zeitebenen, allmählich wird klar, welche Tragödie in der Vergangenheit zu der zerrütteten Familiensituation im Jetzt geführt hat. Es ist ein Film über Trauer, über Schuld, über Familienbeziehungen und über einen kleinen Ort und dessen Umgang mit einem schrecklichen Unfall. Der Film widmet sich dabei vor allem der Beziehung zwischen Vater und Tochter und wie sie wieder zueinander finden. Ebenso haben die Vorkommnisse der Vergangenheit dazu geführt, dass sich die Mutter von der Familie stark entfremdet hat und weiterhin keinen Kontakt wünscht. Dieses fragile Familiengefüge wird sehr genau ausgeleuchtet und es erfolgt eine sehr behutsame Betrachtung der Beziehungen. Trotz der ernsten Thematik findet der Film aber auch immer wieder leichtere und heitere Momente. Ein gelungener Film, der die Komplexität von Familienbeziehungen sehr präzise einfängt.