Der Film beginnt in den 70er Jahren in einer klischeehaften Talkshow mit gestelzten Dialogen und perfekt zurechtgemachten Gästen, in welcher der ehemalige Physiker und jetzige Romanautor Johannes Leinert über sein einziges Werk, ein Buch mit dem Titel „Die Theorie von Allem“, sprechen soll. Er passt so gar nicht in diese perfekt inszenierte Ästhetik, er wirkt durcheinander und ein wenig fahrig. Kurz darauf stürmt er auch hinaus, entrüstet über die Unterstellung, sein Roman sei Science Fiction. Vor seinem Abgang beteuert er noch, dass es sich dabei nicht um eine bloße Geschichte, sondern um die Wahrheit handele.
Dann springt das Geschehen zwölf Jahre in die Vergangenheit. Ab diesem Zeitpunkt ist der Film auch nicht länger in Farbe, sondern in Schwarz-Weiß gedreht. In einem kleinen Ort inmitten der Schweizer Berge findet ein Physiker Kongress statt, zu dem auch ein jüngerer Johannes Leinert mit seinem Doktorvater reist. Der Doktorand Johannes ist eigentlich gar nicht mit eingeladen, und so erhält er auch nur aufgrund von Bestechung ein Zimmer, dass eher einer Abstellkammer gleicht. Er schreibt weiter an seiner Dissertation, wobei sein Doktorvater seinen Ausführungen und Beweisen skeptisch gegenüber steht.
Der Physiker Blumberg hingegen ist von der Arbeit des jungen Doktoranden sehr angetan. Zunächst sieht es nach einem ganz normalen Kongress aus, nach und nach treffen die anderen Wissenschaftler*innen ein und es gibt natürlich auch ein Unterhaltungsprogramm. Johannes begegnet der Pianistin Karin und ist sofort von ihr fasziniert. Doch dann häufen sich die rätselhaften Ereignisse: Merkwürdige Wettervorkommnisse, unerklärliche Männer mit Narben im Gesicht und ein toter Physikprofessor.
Der Film hat eine ungewöhnliche und nostalgisch anmutende Gestaltung: Die Bilder erinnern an die Stummfilme aus längst vergangenen Schwarz-Weiß-Zeiten, nicht nur aufgrund der parallelen Farbgestaltung, sondern auch durch die Art und Weise, wie die Bilder festgehalten werden. Oft sind es sich langsam entfaltende Aufnahmen, die gerade bei den Figuren die Gesichtsausdrücke überdeutlich einfangen und diese bewusst in Szene setzen. Durch das Setting in der Vergangenheit lassen sich auch bei den Szenen selbst Gemeinsamkeiten finden: Etwa die Femme Fatale, die am Klavier sitzt und vom Protagonisten vom anderen Ende des Raums beobachtet wird. Das sind Szenen, die man in ähnlicher Form bereits schon einmal in anderen Filmen gesehen hat, wobei hier ganz bewusst auf diese Ähnlichkeiten abgezielt wird. Es ist ein wenig eine Liebeserklärung an den Film und das Kino an sich.
Die in den Bildern eingefangenen Augenblicke hallen nach und entfalten so eine ganz eigenständige Wirkmacht. Es sind Szenen, die die Atmosphäre des Films prägen, wie beispielsweise bedrohlich über den Bergen hinaufragende Wolkenformationen oder eine winzige Hütte mitten in den schneebedeckten Ausläufern des Gebirges. Generell ist es sehr oft die Natur, die hier eindrucksvoll in Szene gesetzt wird. Das passt gut zu der Erzählung selbst, dann auch hier sind es naturgewaltige Kräfte, die die Handlung steuern und denen die Menschen darin wenig entgegenzusetzen haben. Zumindest, wenn man die rätselhaften und unheilvollen Ereignisse mithilfe der Multiversum-Theorie interpretiert, wie es im Film selbst mehrmals angedeutet, doch nie komplett auserzählt wird.
Die Bilder selbst sind dabei unheimlich schön anzusehen, doch sie bleiben zu perfekt und fast schon klinisch. Ebenso verhält es sich auch bei den Figuren: Man schaut ihnen zu, aber man fühlt nicht wirklich mit. Gerade bei der Liebesgeschichte geht hier Potential verloren, denn durch die emotionale Distanziertheit bleibt diese bis zum Ende eher kühl. Dabei soll hier eine Liebe erzählt werden, die durch Raum und Zeit geht, doch diese emotionale Tiefe erschließt sich aufgrund dieser Distanziertheit nur ansatzweise, wodurch sie letztendlich etwas blass wirkt.
Der Film erzählt ein interessantes Gedankenexperiment, dass trotz dieser Schwächen bis zum Ende spannend bleibt. Obwohl keine emotionale Verbundenheit zu den Figuren entsteht, schaut man bis zum Abspann gebannt zu. Der Film packt Einen durch die wunderschön inszenierten Bilder und die Suche nach einer Erklärung der mysteriösen Vorkommnisse. Zusätzlich wird man durch die Geräuschkulisse geschickt in den Film hineingezogen. Der Wind rauscht durch die Wälder, unheilvoll knarren die Dielen, als der Protagonist in ein Zimmer schleicht, die Kiesel knirschen unter den fest geschnürten Winterschuhen. All das sind eigentlich nebensächliche Geräusche, die aber hier statt einer Filmmusik immer wieder eingestreut werden und dem Geschehen etwas sehr Reales verleihen.
Das Ende hält den während des Films aufgebauten Erwartungen leider nicht stand, doch es trägt durch eine gewisse bis zum Schluss bestehende Undurchsichtigkeit ob der Erklärung hinter allem dazu bei, dass der Film noch eine Weile im Gedächtnis verharrt und man über dessen Darstellung und Interpretation nachdenkt. Dabei werden im Film sehr viele Facetten angedeutet, mit denen er sich befasst: Es geht um eine Liebesgeschichte, um einen verhängnisvollen Winter in einem Gasthof in den Bergen und um eine Verkettung rätselhafter Ereignisse, die unmöglich nebeneinander existieren können. Ebenso geht es aber auch um die NS-Zeit und deren Nachwirkungen.
Es ist ein Film mit Ecken und Kanten, der das Thema Multiversum mal aus einer ganz anderen Perspektive beleuchtet und welcher atmosphärisch diffus bedrohlich, aber auch mit einem sehr guten Gespür für die Schönheit und Macht der Natur aufgeladen ist. Der Film ist nicht so sehr düster, eher ein wenig melancholisch und nachdenklich. Er zeigt den Punkt im Leben des angehenden Physikers Johannes Leinert, welcher dieses in eine komplett andere Richtung lenkt, als er es sich selbst immer ausgemalt hat. Während man dem Lauf der Ereignisse folgt, fühlt man sich dabei selbst in vergangene Zeiten versetzt. Allein für die Ästhetik des Films lohnt sich das Schauen.