Über das Unterwegs-Sein und das Reisen lassen sich gut Geschichten erzählen, da die zu einer solchen Unternehmung Aufgebrochenen hinterher eine Menge zu berichten haben. Ob es sich dabei um eine Reise um die Welt oder nur ein paar Orte weiter handelt, spielt nicht wirklich eine Rolle. Auch nicht, ob der Roadtrip so geplant war oder sich eher zufällig ergeben hat. Nicht einmal, ob die Unterwegs-Seienden es am Ende bis zu ihrem Ziel geschafft haben oder nicht. Wichtig sind stets die Begegnungen mit anderen Menschen, und die Entwicklung, die die Reisenden während ihres Unterwegs-Seins durchmachen. Ein Tapetenwechsel löst manchmal innere Prozesse aus, für die im Alltag sonst nicht so viel Zeit ist. Selten funktioniert alles so, wie man sich das vorher schön zurechtgelegt und vorgestellt hat. Hinterher sind die von einer Reise Zurückgekehrten um Erfahrungen reicher und haben sich auch selbst gewandelt. Oft steht dabei ursprünglich ein bestimmtes Vorhaben im Vordergrund, doch während der Reise realisiert man, dass es eigentlich viel mehr der Weg ist, der zählt.
Hier ist eine kleine Auswahl an Filmen, die von Roadtrips erzählen.
Unterwegs mit Jacqueline (2016)
Der algerische Bauer Fatah erhält eine Einladung für eine Ausstellung in Paris, zu der er zusammen mit seiner Kuh Jacqueline reisen möchte. Und so macht er sich zu Fuß auf den weiten Weg zur französischen Hauptstadt. Hier handelt es sich um eine klar auf ein bestimmtes Ziel fokussierte Reise, die Fatah durch verschiedene Gegenden Frankreichs führt. Obwohl es für Außenstehende beschwerlich erscheinen mag, mit einer Kuh am Straßenrand durch die Gegend zu laufen, sieht Fatah hierin keine Probleme. Auch die Distanz selbst schreckt ihn nicht ab. Es ist jedoch nicht so sehr die Landschaft, über die der Film berichtet, sondern die Menschen, die Fatah auf seiner Reise trifft. Dabei verändern diese nicht nur ihn, sondern er umgekehrt auch diese. Es ist einfach ein schöner Wohlfühlfilm, der zwar die wirklich tiefgreifenden Fragen des Lebens nicht behandelt, aber eine nette Geschichte erzählt, die einen des Öfteren zum Lachen bringt und wo man das Kino mit einem guten Gefühl verlässt.
Bones and All (2022)
Der Film ist unheimlich gut und unheimlich verstörend. Maren und ihr Vater ziehen ständig um, damit bloß ihr Geheimnis nicht wieder auffliegt. Eigentlich haben sie sich zu Beginn des Films an einem Ort ein gemütliches Zuhause aufgebaut, doch dann durchbricht besagtes Geheimnis die Vorstadt-Idylle: Maren ist ein sogenannter „Eater“, sie isst die Menschen, die sie liebt. Der Vorfall mit einer Freundin ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Marens Vater kann nicht mehr und lässt sie allein zurück. Und so begibt sich Maren auf eine Reise, die sie zu ihrer Vergangenheit und ihrer Mutter führen soll. Auf dem Weg trifft sie neben anderen „Eatern“ auch Lee, mit dem sie eine Liebesgeschichte beginnt. Auch wenn es auf den ersten Blick merkwürdig anmutet, eine Geschichte über Kannibalismus als Liebesgeschichte zu erzählen, funktioniert es tatsächlich in dem Film. Hier sind die Reisenden aber beständig auf der Flucht, sie wissen zwar die verschiedenen Orte und die Freiheit zu schätzen, doch eigentlich sehnen sie sich nach einem festen Zuhause. Zwischen Grauen und Schönheit entfaltet sich ein Roadmovie, dessen übergeordnete Metapher zwar nebulös bleibt, das visuell aber sehr überzeugend in Szene gesetzt wird und das einem nach dem Schauen noch eine Weile in Erinnerung bleibt.
Abteil Nr. 6 (2022)
Die finnische Archäologie-Studentin Laura lebt Ende der 90er-Jahre in einem sehr intellektuell geprägten Moskau. Eigentlich möchte sie die Reise zu den Petroglyphen, also alte Felsmalereien, in Murmansk zusammen mit ihrer Geliebten antreten. Doch diese versetzt sie und Laura macht sich mit Liebeskummer alleine auf den Weg. Im Zug trifft sie den Russen Ljoha, mit dem sie sich besagtes Abteil Nr. 6 teilt. Eigentlich sind die beiden grundunterschiedliche Typen Menschen, doch während der Fahrt nähern sie sich immer mehr einander an. Schön ist an dem Film, dass er eine vergangene Seite des Reisens beleuchtet, die heute fast vergessen ist. Es gibt keine Smartphones und generell kein Internet im ganzen Zug, Anrufe nach Hause funktionieren über verlassene Telefonzellen an verschiedenen Bahnhöfen und Informationen über den Ankunftsort lassen sich nicht eben im Handy nachschlagen. Gleichzeitig verklärt der Film das Reisen aber nicht nostalgisch, sondern zeigt auch die unschönen Facetten des Zugfahrens wie beengte und etwas ranzige Toilettenkabinen, Diebstahl und nervige Mitreisende. Es ist ein sehr realistischer Film über das Reisen, der auch die unschönen und einsamen Momente des Alleine-Unterwegs-Seins zeigt, während er ebenso die abenteuerlichen Seiten und das Entdecken von neuen Orten und Menschen einfängt.
Nomadland (2021)
Eine Frau fährt mit ihrem Van durch die USA, durch Städte und Wüsten und Wälder. Die Landschaftsaufnahmen in diesem Film sind wunderschön. Doch die Atmosphäre ist eher gedankenverloren und ein wenig traurig, denn die Protagonistin, Fern, tritt diese Reise auch an, weil sie um ihren Mann trauert. Nicht nur metaphorisch gesprochen hat sie den Halt im Leben verloren und lässt sich jetzt einfach durch die Weiten Amerikas treiben. Währenddessen trifft sie immer wieder auf ganz verschiedene Menschen, die ebenfalls ihre eigenen Päckchen mit sich tragen. Das Leben im Van wird dabei kein bisschen romantisiert: Morgens ist es kalt, auch unter vielen Decken, und man fühlt sich steif und verrostet. Der Wagen ist teilweise sehr beengt, selbst für nur eine Person. Und die stetige Suche nach dem nächsten Standplatz kann sich zermürbend gestalten. Doch ebenso erlebt Fern in ihrem Van viele schöne Erinnerungen. Der Film regt auf jeden Fall zum Nachdenken an und er porträtiert ihre Reise mit einer angenehmen, nicht hektischen Ruhe. Auch wenn er bisweilen einige Längen hat, zeigt der Film auf eine leise, versteckte Art, dass wir letztendlich jetzt leben, nicht im Morgen oder Gestern, und dass es so viel Schönes zu entdecken gibt, auch wenn die Umstände, in denen man sich befindet, momentan schwierig sein mögen.
Sophia, der Tod & ich (2023)
Eigentlich hat der Altenpfleger Reiner eben noch mit einer Patientin draußen an der Spree eine Zigarette geraucht. Da schien ihm der Tod noch ganz weit weg. Doch jetzt klingt ebender an seiner gemütlichen Altbauwohnung und der verplante Reiner traut seinen Augen nicht so recht. Als Morten de Sarg stellt der bleiche, formelle Mann vor der Tür sich vor, und dass Reiner jetzt mitkommen müsse. Fast stirbt Reiner auch tatsächlich, doch genau in dem Moment klingelt es erneut und seine Ex-Freundin Sophia ist völlig entrüstet, wie er die gemeinsame Fahrt zum Geburtstag seiner Mutter vergessen konnte. Kurzentschlossen machen sie sich zu dritt auf den Weg, da Reiner in seinem Leben noch ein paar wichtige Dinge zu erledigen hat. Es ist ein völlig ungeplanter Roadtrip, der sich hieraus entspinnt, der aber genau wegen der spontanen Entscheidungen und dem ganzen Chaos drumherum zu einer erinnerungswürdigen Reise mit vielen schönen, kleinen Momenten und wichtigen Erkenntnissen über das Leben wird. Dem Film gelingt es dabei sehr gut, die Gratwanderung zwischen ernsten und lustigen Augenblicken zu beschreiten, und es ist viel mehr ein Film über das Leben als über den Tod.
Green Book (2019)
Im New York der 60er-Jahre sucht ein Schwarzer Pianist einen Fahrer, der ihn auf einer Konzertreise durch die Südstaaten begleitet. Er entscheidet sich unter den Bewerbern für einen auf den ersten Blick etwas grobschlächtig wirkenden Türsteher aus der Arbeiterklasse mit italienischen Wurzeln. Die Beiden haben sehr unterschiedliche Ansichten und Werte, doch im Verlauf der Reise entwickelt sich eine sehr gute Freundschaft zwischen den Männern. Während der Pianist eine sehr intellektuelle Sicht auf die Dinge hat und es manchmal ein wenig vergisst, zu leben, fehlt dem Türsteher bisweilen ein gewisses Taktgefühl und eine zur Situation passende Etikette. Gleichzeitig ist Rassismus ein wichtiges Thema des Films. Es handelt sich um ein typisches Roadmovie, das vor allem von den Dialogen der beiden Protagonisten lebt, und neben ernsten auch sehr viele schöne und witzige Momente bietet.
Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr (2022)
Nach dem Tod seiner Frau begibt sich Tom auf eine Busreise mit dem öffentlichen Nahverkehr, die ihn einmal quer durch Großbritannien führen soll. Er reist nicht, um neue Landschaften zu sehen, andere Menschen zu treffen oder einfach mal ein Abenteuer zu erleben. Es geht bei der Reise um seine Vergangenheit und seine Frau, für die er sich auf den langen und teils beschwerlichen Weg macht. Es ist ein eher melancholischer Film, der aber auch einfach sehr wohltuende Momente hat. Tom trifft immer wieder auf völlig Fremde, die ihm helfen oder mit denen er ein gutes Gespräch führt. Ebenso hilft auch er wiederum den Menschen auf seinem Weg. Die Reise hilft ihm bei seiner Trauerarbeit und es ist auch eine Reise zu ihm selbst. Ein sehr schöner Film!
Weit. Die Geschichte von einem Weg um die Welt. (2017)
Ein junges Pärchen möchte gerne einmal die Welt umqueren, ohne dabei zu fliegen. Diese Dokumentation ist aus ihrem Unterwegs-Sein entstanden, welches am Ende über drei Jahre andauerte. Sie erzählen dabei von den Menschen und der Gastfreundlichkeit, die ihnen begegnet ist, von den Schwierigkeiten, auf die sie während ihrer Reise gestoßen sind, und von der Schönheit, die sie überall entdecken konnten, egal ob in großen Städten oder unendlichen Wüstenlandschaften oder atemberaubenden Bergpanoramen. Es ist ein Film, der Lust auf Abenteuer macht und definitiv zu Fernweh führt.