Eine Gruppe Reisender steht mitten in der Nacht irgendwo in Deutschland an einer verlassenen Autobahnraststelle und starrt auf einen toten Igel am Straßenrand. Hinter ihnen heben sich die Silhouetten der Toilettenhäuschen vor dem nachtdunklen Himmel hervor. Inger beharrt darauf, dass der Igel unmöglich so da liegen bleiben kann, er könnte ja noch Schmerzen haben und diesen Gedanken kann sie nicht ertragen. Schließlich findet eine Beerdigung statt, der Igel wird in eine Pralinenschachtel mitsamt einem Taschentuch gebettet und der Busfahrer schaufelt ein Loch, tief genug, sodass kein Fuchs den Igel wieder ausgraben könnte. Jemand sagt ein paar passende Worte. Erst danach fahren sie weiter, Richtung Paris.
Die Reisegruppe ist in Dänemark aufgebrochen, Ziel ist die französische Hauptstadt. Immer wieder ist in den Nachrichten zu hören, dass dort vor Kurzem erst Prinzessin Diana verstorben ist. Ingers Schwager, Vagn, würde gerne die Stelle besichtigen, an der das Unglück passiert ist. Ingers Schwester Ellen hingegen sieht das anders, sie möchte den Unglücksort nicht wie all die anderen Schaulustigen besuchen. Inger sitzt neben ihnen im Bus und schaut aus dem Fenster.
Gleich zu Beginn der Reise gibt es eine kleine Vorstellungsrunde. Da ist Andreas, der in einer Schule arbeitet. Sein Sohn Christian, der am kommenden Freitag Geburtstag hat und 13 Jahre alt wird. Ein älteres Pärchen. Und Inger, die an Schizophrenie erkrankt ist.
Das Erzählen über Krankheit findet sich immer wieder als Motiv in Film sowie in Literatur. Dabei gibt es Krankheiten, die sich regelrecht romantisieren lassen. Etwa die Tuberkulose, die fast ein wenig poetisch auch Schwindsucht genannt wird. Natürlich handelt es sich auch hierbei um eine fürchterliche Krankheit, doch in manchen Beschreibungen lässt sich das leicht vergessen. Die Erkrankten, meist junge Frauen, sind bleich und ausgemergelt, doch ihre Wangen glühen rot und sie haben etwas Verletzliches und fast schon Erhabenes. Etwa in der Oper „La Boheme“. Oder im „Zauberberg“ von Thomas Mann. Auch in Kinderbüchern wie „Anne auf Green Gables “ von Lucy Maud Montgomery.
Dann wiederum gibt es Krankheiten, über die es sich viel schwieriger erzählen lässt, weil sie eben auch Aspekte mit sich bringen, über die lieber geschwiegen wird. Wie kann man so etwas wie Darmkrebs oder verschiedene Hauterkrankungen oder fortschreitende Arthritis oder noch ganz viele andere Krankheiten schön reden und poetisch umschreiben, wo das Leid und die Schmerzen der Betroffenen klar im Vordergrund stehen und sich die Krankheit auch nach außen hin durch das Aussondern von Körperflüssigkeiten oder einen unangenehmen Geruch oder Missbildungen etwa von Fingern manifestieren kann? Wo sich das Krank-Sein mit all seinen hässlichen Facetten offenbart und selbst das erzählerische Verschweigen diese nicht aus der Vorstellung der Zuhörenden tilgen kann.
Schizophrenie zählt ebenfalls zu den Erkrankungen, über die es nicht so häufig Erzählungen oder Filme gibt, und die teilweise auch verzerrt dargestellt wird. Etwa, indem Symptome wie Wahnvorstellungen oder Halluzinationen ausgeschlachtet und die Betroffenen als völlig der Welt entrückt und gar gefährlich gezeichnet werden.
In „ROSE“ wird mit der Erkrankung Ingers sehr respektvoll umgegangen, das ist eine der großen Stärken des Films. Weder wird die Krankheit verharmlost noch wird sie als alleiniges Übel porträtiert. Die Schizophrenie hat Ingers Leben verändert und lässt sich nicht einfach so daraus verbannen. Egal, wie gut es ihr zwischendurch auch gehen mag, die Schizophrenie schleicht sich immer wieder in ihr Leben zurück. Andererseits hat Inger aber eben auch gute Momente und sie wird als ein Mensch dargestellt, deren Gesamtpersönlichkeit nicht nur aus der Schizophrenie besteht. Inger ist großzügig, ehrlich, kreativ, spontan, und noch ganz viele andere Dinge, von denen die Schizophrenie nur ein Teilaspekt ist, auch wenn sie in schlechten Augenblicken Inger manchmal ein wenig überschattet.
Inger hat als junge Frau, kurz vor dem Ausbruch ihrer Erkrankung, für eine Weile in Paris gelebt, deshalb spricht sie auch fließend Französisch. Dank dieser Fähigkeit vermag sie ihre Reisegruppe ein paar Mal zu retten. Außerdem hatte sie damals eine Liebesgeschichte mit einem verheirateten Mann, mit der sie nie richtig abschließen konnte. In ihrer Tasche bewahrt sie einen sorgsam gefalteten Brief ebendieses Mannes auf, in der dieser sich von ihr getrennt hat, obwohl auf beiden Seiten Gefühle vorhanden waren. Diese Reise bietet für sie die Möglichkeit, ihn vielleicht noch einmal wiederzusehen…
Ebenso behutsam werden aber auch die Angehörigen von Inger porträtiert. Ellen ist ihre Schwester wichtig, sie teilen viele schöne, innige und auch lustige Momente. Ihre Sorgen und Nöte werden aber auch ungeschönt gezeigt, etwa als Ellen einmal kurz vor den Tränen aus dem Hotelzimmer flieht und ein Glas Wein ohne abzusetzen in einem Zug fast leert, um für einen Moment nur verschnaufen zu können.
Eine weitere feste Bezugsperson von Inger ist ihre Mutter, deren Verhältnis zur Schwester Ellen aber eher schwierig zu sein scheint. Sie macht sich viele Sorgen und findet nicht, dass die Reise eine besonders gute Idee war. Aber genau diese Reise ermöglicht es den Schwestern, ihre Beziehung zueinander um einige wichtige Erfahrungen und Erinnerungen zu bereichern und gleichzeitig gelingt es Inger gerade durch diese Reise, sich ein wenig von der zwar gut meinenden aber etwas zu beschützerisch auftretenden Mutter zu lösen.
Die Reaktionen der Reisegruppe auf Inger fallen gemischt aus. Sie freundet sich mit dem 12-jährigen Christian an, dem sie manchmal ein wenig zu viel aus ihrem Leben erzählt, was wiederum dessen Vater Andreas sehr erzürnt. Letzterer mag es gerne, wenn die Dinge so sind, wie er sich das vorgestellt hat, und er kann mit Inger schwer umgehen. Gleichzeitig wird er im Film aber auch nicht antagonistisch porträtiert, sondern als Mann mit einer fast zerbrechenden Ehe, der vermutlich ebenfalls – so wird es mehrmals angedeutet – von Neurodivergenz betroffen ist. Etwa erleidet er einen ungehemmten Gefühlsausbruch, als ein Museum, das er unbedingt besuchen wollte, ausgerechnet an dem Tag früher schließt, wobei er diesen Gefühlsausbruch selbst nicht mehr zu stoppen vermag und auf einem Parkplatz andere Leute deshalb anbrüllt.
Es ist ein berührender Film, der sowohl ernste wie auch lustige Momente zeigt. Natürlich verläuft die Reise ein wenig anders als geplant, und es gibt einige Hürden zu überwinden, aber daneben auch immer wieder sehr erwärmende Begegnungen mit anderen Menschen. Das Ganze wird begleitet von einer sehr nostalgisch und schön anmutenden Filmmusik. Es tut einfach gut, der Reisegruppe dabei zuzusehen, wie sie im Verlauf der Reise immer mehr zusammenwächst und alle Reisenden am Ende ein wenig mehr über sich selbst erfahren konnten.