In der ersten Szene stehen zwei Menschen am Rande eines Abgrunds und schauen hinab. Der neue Staatsanwalt bemerkt, wie erschreckend er die Szenerie, welche sich beim Drehen der Kamera als Sinkloch entpuppt, empfindet. Die Richterin erwidert nur, dass es aber auch über eine gewisse Schönheit verfügt. Sie sind die einzigen beiden Personen in einer öden Wüsten-Landschaft. Im Vergleich zu den Bergen dahinter sind sie winzig.
Die Stimmung des Films ist gleich von Anfang an düster und bedrückend. Es ist ein heißer Sommer und der junge Staatsanwalt ist ganz frisch hergezogen. Alle scheinen auf den ersten Blick sehr herzlich und nett, doch der Schein trügt. Hinter der beschaulichen Fassade lauert etwas Bedrohliches.
In dieser Kleinstadt irgendwo in der Türkei jagen die Bewohner gerne Wildschweine. Es hat schon fast etwas Archaisches, diese Jagd: Männer mit Gewehren hinten in Autos, die immer wieder scharfe Schüsse in den Himmel abgeben. Weitere Menschen, die schreiend und aufgeputscht hinter den Autos und dem völlig verängstigten Wildschwein herrennen. Eine stille Aufnahme des Tiers, in der man dessen Furcht deutlich erkennen kann. Dann wieder die tobende Menge, die sich auf das Tier stürzt. Am Ende bleibt nur eine Blutspur durch die Stadt, die die Kamera von oben einfängt. Der einzige Farbtupfer in dieser ockerfarbenen Landschaft.
Die politische Lage ist angespannt, bald stehen die Wahlen bevor und es gibt einige Differenzen. Das größte Problem stellt die Wasserversorgung dar: Immer wieder sieht man Schlangen von Menschen mit leeren Kanistern, die für Wasser anstehen. Das Wasser kommt aus dem Boden, doch dieses Vorgehen scheint dazu zu führen, dass sich das Auftreten von Sinklöchern häuft. Diese Sinklöcher sind riesig, urplötzlich sacken ganze Erdstücke weg und reißen Häuser mit sich in die Tiefe. Das Rathaus bestreitet einen Zusammenhang zwischen Wasserversorgung und Sinklöchern, ein Journalist im Ort sieht das anders.
Mitten hinein gerät nun der junge Staatsanwalt Emre Gündüz, der an Recht und Gerechtigkeit glaubt und seinen Prinzipien beim Ausüben seines Jobs treu bleibt. Damit eckt er direkt an, es passt den wichtigen Personen in der Stadt nicht, wie er die Dinge angeht. Zudem wird bald klar, dass sein Vorgänger unter äußerst mysteriösen Umständen verschwunden ist, was dem Ganzen zusätzlich einen unheimlichen Hauch verleiht. Und so wird er in eine Geschichte verwickelt, die er so nie beabsichtigt hatte.
Emre gibt trotz ungutem Bauchgefühl nach und folgt einer Einladung des Bürgermeisters zum Abendessen. Bald schon muss der Bürgermeister aus dienstlichen Gründen weg, doch sein Sohn und ein Freund leisten Emre weiter Gesellschaft. Andere Männer gesellen sich dazu und auch ein Mädchen aus dem Ort kommt später noch vorbei. Am nächsten Morgen kann sich Emre an diesen Abend nur noch bruchstückhaft erinnern. Allerdings ist es ebendieser Abend, der ihm zum Verhängnis wird: Das Mädchen wurde in dieser Nacht vergewaltigt, und die Ermittlungen hierzu fördern zutage, wie schlecht es um Recht und Ordnung in der Kleinstadt bestellt ist. Doch dieser Abend löst auch noch eine ganze Reihe anderer Ereignisse aus, die zu einer unheilvollen Kettenreaktion führen.
Der Film zeigt, wie Recht und Gerechtigkeit in einer Gesellschaft nicht funktionieren können, wenn diese nur nach Gutdünken und Willkür ausgelegt werden. Der Staatsanwalt richtet sich nach dem Gesetz, doch der Rest der Kleinstadt sieht das ganz anders. Etwa fordert der Sohn des Bürgermeisters von ihm, das Schießen in die Luft innerhalb der Stadt im Rahmen der Wildschwein-Jagd nicht weiter zu verfolgen, das würden sie schon immer so machen und überhaupt sei ja auch gar nichts passiert. Den Einwand, dass es trotzdem gegen das Gesetz verstößt, tut er ab. Das Problem ist nur, dass in der Kleinstadt die große Mehrheit so wie der Sohn des Bürgermeisters empfindet. Selbst in der Richterin findet der Staatsanwalt keine wirkliche Verbündete.
Es tut sich ein Porträt einer korrupten Politik auf, gegen die der Staatsanwalt alleine nicht ankommt. Unterstützung findet er in dem Journalisten, trotzdem vermögen sie es nicht wirklich, etwas auszurichten, da die Regeln der dortigen Gesellschaft auch gegen sie verwendet werden können.
Die Filmmusik unterstricht diese Atmosphäre sehr gelungen, ebenso die Bilder der kargen Landschaft, welche still und ausgetrocknet die Stadt umgibt. Der Film ist in vier Teile untergliedert, wobei er vom Aufbau her leicht an ein Theaterstück erinnert. Es ist eine Tragödie, die sich hier langsam entfaltet.
Für den Zuschauenden ist es gar nicht so leicht zu erkennen, wem der Figuren man trauen kann. Alles ist undurchsichtig, die Charaktere in dem Film offenbaren allmählich ihre Schattenseiten. Außerdem findet das Wichtige meist außerhalb der gezeigten Szenen statt. Teils bleibt den Zuschauenden nur die Interpretation, da nicht alles gezeigt und auserzählt wird. Etwa die angedeutete Liebesgeschichte zwischen Emre und dem Journalisten.
Der Film hätte leicht zu einer schwarz-weißen Moral-Geschichte werden können. Doch genau das umschifft er sehr gut, auch der junge Staatsanwalt hat seine dunklen Momente. Er wirkt unnahbar und kühl, gutgläubig und gleichzeitig sehr scharf im Umgang mit seinen Worten, sobald er in die Enge gedrängt wird. Er ist jemand, der bei einem Streit seinen Standpunkt verteidigen kann und auch bei Drohungen nicht einlenkt. Und so ist es kein belehrender Film, sondern ein Film, der zum Nachdenken anregt und die Schattenseiten einer korrupten Kleinstadt dezidiert auseinandernimmt.
Tatsächlich ist es eine sehr männerdominierte Welt, in der der Film spielt. Es gibt genau zwei Frauenfiguren, die eine größere Rolle spielen: Das Mädchen von dem Abend und die Richterin. Beide geben sich aber den ungeschriebenen Regeln der Stadt geschlagen und bleiben insgesamt recht blass. Das ist ein wenig schade, da sonst fast ausschließlich Männer gezeigt werden.
Letztendlich ist es keine Geschichte, die man so noch nie gesehen hätte: Idealistischer Mensch wird vom Bösen verführt, und gerät in Schwierigkeiten, die ihm langsam über den Kopf wachsen. Doch der Film erzählt diese Geschichte auf eine sehr spannende, düstere Weise, sodass man gebannt auf das Ende wartet. Dieses verdichtet sich sehr unheilvoll, was aber sehr gut zum erzählten Geschehen passt. Als Zuschauende sieht man es nicht kommen, doch ebenso wenig hat auch der Staatsanwalt selbst damit gerechnet.
Gleichzeitig gibt es natürlich auch eine metaphorische Ebene: Die Sinklöcher, die jederzeit den Boden unter den Füßen wegreißen können, wo vorher noch feste Erde war. Genauso ist es in dieser Kleinstadt, die auf den ersten Blick so idyllisch und unscheinbar wirkt. Gerade an diesem Ort, wo die Welt so in Ordnung schien, tut sich in dem Film der dunkelste Abgrund auf.